Neuwerk - Eine Stifts-kirche mit Stiftergrab



Deutschland ist seit Jahrhunderten das Land der Stiftungen. Heute kennen wir Stiftungen vor allem als Wohltäter mit entsprechenden Aufgaben. Inzwischen gibt es sogar Unternehmen, die von einer Stiftung geführt werden.

Eingerichtet wird eine Stiftung in der Regel um ihre Aufgaben bis in alle Ewigkeit zu führen, zumindest, solange das Vermögen dazu ausreicht und es wird eigentlich nur von den Einnahmen, nie aber vom Kapital selbst gelebt. Inzwischen sind auch Sonderformen unter den Stiftungen aufgetaucht, die nur für eine bestimmten Zeitraum bestehen.

Neuwerk ist eine mittelalterliche Stiftung mit einstmals enormen Vermögenswerten und der Zweck unterschied sich sehr von dem heutiger Stiftungen. Im Querschiff der Kirche liegen sie begraben, die Stifter von Kirche und Kloster, Volkmar de Goslaria und seine Gemahlin Helena. Ursprünglich hatte das Grab seinen Platz in der Vierung, der eigentlich prominentesten Stelle der Kirche. Die Messen wurden für das Seelenheil des Kirchenstifters gefeiert, das war die Sitte der Zeit.

Wer es sich leisten konnte, der ließ eine Kirche bauen mit angegliedertem Kloster und Ländereien, damit das Kloster leben konnte. Die Ordensleute hatten nun ihre vornehmste Aufgabe darin, die heilige Messe für den verstorbenen Kirchenstifter zu feiern, damit dieser möglichst rasch aus dem Fegefeuer in den Himmel gelangen und dort ein angenehmes und ewiges Leben verbringen konnte - soweit die Vorstellungen des Mittelalters.

Als das Grab im 12. Jahrhundert in der Vierung der Kirche errichtet wurde, war es als Platte in den Boden eingelassen. Die Steinmetzarbeiten wurden im spätromanischen Stil ausgeführt mit dem Bildnis des Stifterpaares. Ende des 15. Jahrhunderts kam dann die Umgestaltung zum Hochgrab (Tumba), dem neuen Zeitgeschmack entsprechend. Mit diesem Umbau bekam das Grab dann auch die Inschrift, auf der erstmals der irrtümliche Name "Wildenstein" zu lesen ist . Man kann die unterschiedlichen Stile der Steinmetzarbeiten im Abstand von über 200 Jahren gut erkennen. Zu sehen sind ein Mann und eine Frau in der stilisierten Darstellung ihrer Zeit. Ob sie wirklich groß und schlank waren, mit sehr runden Gesichtern, kann heute niemand mehr sagen…

Während der Umbauten, Mitte der 1960er Jahre, begannen Archäologen die Grablege genau zu erforschen und kamen zu einem ernüchternden Ergebnis: Die Grabstätte war schon seit dem Mittelalter leer. Vermutlich hat dort niemals einer der Stifter gelegen.

Im Zuge dieser Arbeiten wurde das Stiftergrab dann aus der Vierung in das Querschiff verlegt. Die Kirche ist zu einer Gemeindekirche geworden und die Gottesdienste werden nicht mehr nur zum Wohle des Stifters gefeiert.

Von älteren Kirchenbesuchern kann man heute noch die Geschichte vom Geigenkasten hören: Für Musiker war das Stiftergrab in der Vierung eine willkommene Abstellmöglichkeit für Geigenkästen, Notenständer, Trompeten- und Posaunenkoffer - jetzt liegt das Grab geradezu ruhig im nördlichen Querschiff. Eine Kirchenbesucherin bringt seit Jahren einmal im Monat Blumen mit und legt sie dem Stifterpaar in die Hand.

Die Stiftung Neuwerk hatte große finanzielle Erträge aus Grundbesitz und Anteilen an Bergwerken und Hüttenwerken. Über Jahrhunderte konnten die Stiftsdamen (Benediktinerinnen) sehr gut davon leben.

Gegen Ende des dreißig Jährigen Krieges übernahm die Stadt Goslar die Verwaltung der Stiftung. Die Städte in Deutschland waren nach den Jahrzehnten des Krieges verarmt. Bis heute bestreitet die Stadt Teile ihres Haushaltes mit den Einnahmen der Mittelalterlichen Stiftung Neuwerk.

Holger Zietz

Die Umschrift lautet:

consepulti: sut hic strenuus miles - dns volcmar´de wildensteyn - et helea - uxor eius fundatores et donatores hui´monasteriy qui floruert circa annos (…) III M CC quor´aie resquiscat in pace.

(Hier sind der tapfere Ritter Herr Volkmar von Wildenstein, und seine Gemahlin Helena, die Gründer und Stifter dieses Klosters, begraben, die geblüht haben etwa (…) Jahre 1200, deren Seelen in Frieden ruhen mögen.