Goslars "Romanische Stunde" feiert 10-jähriges Jubiläum

Bildergalerie von der Veranstaltung am 21. Juni 2017


Berichte und Bildergalerien aus den zurückliegenden Jahren finden Sie weiter unten


Die Idee zu einer "Romanischen Stunde" ist mir schon im "Jahr der Romanik" gekommen. Damals hätte ich es für sehr reizvoll gefunden, jene Epoche, die in Goslar baulich so hervorragend vertreten ist, zum Sprechen und Klingen zu bringen. Was haben die Menschen, die die Kaiserpfalz, unsere Kirchen und Häuser gebaut haben, denn so gedacht, gefühlt und gesungen?

Texte aus jener Zeit sind ja reichlich überliefert. Aber da gab es ein echtes Problem: Wer kann das lesen, verstehen und vortragen? Und da ergab sich erst vor gut 10 Jahren die Lösung in der Person von Falko Hausknecht. Der konnte die alten Texte nicht nur lesen und verstehen, sondern auch rezitatorisch so darbieten, dass alles ganz natürlich klang.

Und nun öffneten sich für mich nicht nur äußerlich die alten Schriften und Kunstwerke, sondern auch innerlich nachempfindend mit dem Ergebnis: Die Menschen vor 800 und mehr Jahren waren gar nicht so mittelalterlich, so anders, so viel enger und genierter, so viel dunkler als wir. Im Gegenteil: sie waren in manchen Lebensbezügen offener als wir, vor allem im Bereich seelischer Empfindungen. Denn was war das für eine Zeit, in der das Wort "Minne", also Liebe, so im Mittelpunkt stand? Was war das für eine Zeit, in der man das seelisch Komplizierte, oft Verworrene und Leidende so liebte wie in den großen Epen? Was war das für eine Zeit, in der man selig und inbrünstig die Jungfrau Maria besang? Es war für mich plötzlich eine andere, wärmere und nähere Zeit als die, die ich bisher nur durch die Kunstgeschichte kennengelernt hatte. In den alten, gewaltigen Mauern und Gewölben schlugen einmal sehr empfindsame menschliche Herzen.

Begonnen hat es vor 10 Jahren mit den allerersten überlieferten Texten, den "Merseburger Zaubersprüchen", die noch ganz in heidnischen Zeiten wurzelten. Überhaupt taucht die vorchristliche Zeit überall in den Epen und Romanen auf: im "Hildebrandslied", im "Nibelungenlied", in den "alten maeren" aus der Epoche der Völkerwanderungen. Das interessierte die Zuhörer um 1200 brennend.

Aber dann blühte natürlich das Christentum mit seinen Marienliedern auf. Und die passten so ausgezeichnet in die Neuwerkkirche mit ihrem Namen "Maria in horto". Natürlich gehörte der "Heliand", das Barmherzigkeitsepos "Der arme Heinrich" und Otfrids schon vor 900 geschriebene und gereimte Evangeliengeschichte in unser Programm.

Dass in die von dem Ritter Volkmar von Wildenstein gestiftete Neuwerkkirche Ritterliches erklingen musste, war klar. Wir hörten da von einer eigenen Tugendlehre, die den gesellschaftlichen Wandel im Hohen Mittelalter anzeigte. Dazu ergänzend erklangen die Minnelieder von Walther von der Vogelweide bis zu Oswald von Wolkenstein. Was damals so gesungen, geseufzt und geträllert wurde, das hat ein unmittelbares Echo bei uns gefunden.

Und so waren die "Romanischen Stunden" in der Neuwerkkirche zugleich immer auch romantische Stunden bei Kerzenschein und Madrigalkreisklang. Ja, auch die Musik war aus früher, also junger Zeit. Gelesen wurden die Originale immer von Falko Hausknecht. Die neuhochdeutsche Übersetzung wurde erst von Werner Böse, dann von Stefan Roblick mit seiner sonoren Stimme vorgetragen. Die verbindenden, erklärenden und anregenden Zwischentexte stammten vom Unterzeichneten.

Wir begehen unser zehnjähriges Jubiläum am Mittwoch, dem 21.Juni, 19 Uhr mit einem bunten Strauß der schönsten und charakteristischsten Dichtungen aus dem Mittelalter. Dazu sind alle Liebhaber unserer Stadt herzlich eingeladen.

Ulrich Wiesjahn




Romanische Stunde in Neuwerk

Mittwoch, 1. Juni 2016, 19.00 Uhr, Neuwerkkirche

IX. Romanische Stunde - Der mit dem einen Auge

Die deftigen Minnelieder des Oswald von Wolkenstein

Oswald von Wolkenstein

Im Original gelesen von Falko Hausknecht, in neuhochdeutscher Fassung von Stefan Roblick

Originalvertonungen gespielt und gesungen vom Goslarer Madrigalkreis

Erläuternde Worte von Ulrich Wiesjahn

Oswald von Wolkenstein, der von 1377 bis 1445 gelebt hat, wird oft der letzte Minnesänger genannt. Dabei sind seine Liebeslieder deftig/sehr direkt und in ihrem kecken Ton einer neuen Zeit kurz vor der Reformation zugehörig. Mit Oswald aus Südtirol zeigt sich der beinahe schon moderne Mensch und Mann sehr ungeniert und offen. Neben seinen Liebesliedern und -gedichten hören wir von ihm als einem Weltreisenden, der von seinen Abenteuern in Litauen, Iran, Nordafrika, Frankreich und Portugal erzählt. Und dann war er auch noch Adelsvertreter seiner Südtiroler Heimat auf unzähligen Reichstagen und bei zwei Konzilen. Doch überall stellt er sich als Liebhaber der Frauen, als Zecher und Haudegen und als Sänger und Dichter vor. Selbst kritische Germanisten bescheinigen ihm eine hohe Sprachkunst.

Seine eigenen Vertonungen sind übrigens sehr genau überliefert, so dass man sie fast vom Blatt spielen oder singen kann. Und so werden sie auch vom Goslarer Madrigalkreis im Original dargeboten.

Die mittelhochdeutschen Texte liest in bewährter Weise Falko Hausknecht, die neuhochdeutsche Übersetzung Stefan Roblick. Verbindende Worte spricht Ulrich Wiesjahn.

Der Eintritt ist frei, eine kleine Weinpause unterbricht die einstündige Lesung.

Erläuterungen - Wikipedia



Das Nibelungenlied - Romanische Stunde in der Neuwerkkirche am 10. Juni 2015

Bildergalerie aus der Veranstaltung


Tatort in der Neuwerkkirche

Während die bisherigen "Romanischen Stunden" eher behutsam, philosophisch und religiös daherkamen, wurde in der 8. Romanischen Stunde zur Abwechslung einmal ein mittelalterlicher "Reißer", ein Krimi in mittelhochdeutscher Sprache präsentiert. Das berühmte Epos Das Nibelungenlied enthält alle Elemente, welcher ein guter Tatort braucht. Eifersucht, Machthunger, Verrat, Intrigen und Mord. Auch Sex fehlte nicht, allerdings - aber das gab es wohl nur damals - mit einer Tarnkappe (näheres dazu und zum Nibelungenepos siehe obiger Link).

"Das Nibelungenlied" ist auch heute noch sehr populär, so wird es jedes Jahr in Worms anläßlich der Nibelungenfestspiele Worms unter der Inszenierung von namhaften Regisseuren und jeweils wechselnden bekannten Schauspielern aufgeführt. Der Verfasser dieser Zeilen hatte 2005 Gelegenheit, eine Aufführung zu besuchen - sehr eindrucksvoll.

Für die Lesung in Goslar, standen das altbewährte und sehr versierte Team für diese Veranstaltung zur Verfügung, Falko Hausknecht (Mittelhochdeutsche Texte), Stefan Roblick (Übersetzung) und Ulrich Wiesjahn (Erklärung des geschichtlichen Hintergrundes) sowie der Goslarer Madrigalkreis (Musikalische Gestaltung).
Sie schenkten uns in diesem Jahr nicht nur ein schönen, sondern auch noch einen spannenden und interessanten Abend. Es war erstaunlich, dass man doch einen Teil des mittelhochdeutschen Textes gut verstehen konnte.
Der Madrigalkeis rundete die Stimmung wieder sehr gekonnt ab und trug entscheidend mit Gesang und Musik auf alten Instrumenten zum Gelingen des Abends bei.
Nicht vergessen sollte man auch Jorden Roblick, der durch eine perfekte Beleuchtung und Tontechnik die Kirche wieder in einem "neuen Licht" erstrahlen ließ.

Vielen Dank an alle Beteiligten. Hoffentlich gibt es noch viele Fortsetzungen dieser Veranstaltung!!!

Hartmut Hädrich

Einladung und geschichtlicher Hintergrund

Wenn es ein deutsches Nationalepos gibt, dann ist es das Nibelungenlied. Durch die Opern von Richard Wagner ist es bis heute für viele ganz lebendig geblieben. Für eine originale Vergegenwärtigung der hochdramatischen Erzählung ist das so unversehrt gebliebene und so mittelalterlich wirkende Goslar einer der besten Orte in Deutschland. So stammt ja die Neuwerkkirche genau aus derselben Zeit wie der namentlich unbekannte Verfasser des Nibelungenliedes.

Hier bei uns lässt sich die Erzählung von Liebe und Eifersucht, von Treue und Intrige, von Ruhm und Verderben, von heimlicher Triebhaftigkeit und kaltem politischen Kalkül besonders gut nachvollziehen.

In der 8. Romanischen Stunde in der Neuwerkkirche steht die entscheidende Szene des gewaltigen Epos, nämlich der Streit der Königinnen vor der Domtür, im Mittelpunkt. Genauso erbittert wie der Goslarer Rangstreit zu Pfingsten 1036, der so blutig endete, wurde der Rangstreit der beiden Königinnen Brünhild und Kriemhild ausgefochten.

Falko Hausknecht liest Hauptpassagen des Nibelungenliedes im mittelhochdeutschen Urtext. Stefan Roblick fügt daran die neuhochdeutsche Übersetzung. Ulrich Wiesjahn spricht verbindende und erläuternde Worte. Der Goslarer Madrigalkreis singt und spielt dazu mittelalterliche Weisen. Eine kleine Pause lädt zu Gespräch, zum Umschauen in der schönen romanischen Kirche und zu einem Glas Wein ein.



Romanische Stunde in der Neuwerkkirche am 18. Juni 2014

AVE Maria - Marienlieder und Mariengebete

Bilder aus der Veranstaltung


Am Abend des 18. Juni fand in diesem Jahr die VIII. Romanische Stunde in der Neuwerkkirche statt. Schließlich ist die Neuwerkkirche eine richtige Marienkirche, die den Namen "Maria im Garten" oder "Maria in horto" trägt. Seit der Erzengel Gabriel Maria zur Gottesmutter berufen hat, hat die Christenheit sie und ihren Lobgesang in die Mitte ihrer Verehrung aufgenommen.

Unter dem Titel - Ave Maria - lud die Neuwerkgemeinde zu einer Lesung von Marienliedern und Mariengebeten ein. Falko Hausknecht las in gewohnter Weise die Originaltexte in lateinischer und mittelhochdeutscher Sprache, Stefan Roblick die jeweils neuhochdeutsche Übersetzung und Ulrich Wiesjahn sprach die verbindenden und erläuternden Worte. Der Goslarer Madrigalkreis sang sowohl sehr alte Vertonungen als auch romantische Marienweisen.

Da in diesem Jahr eine dezente Mikrofonanlage verwendet wurde, war dieser Abend für alle Anwesenden ein besonderes Erlebnis. Auch der Madrigalkreis hatte seinen Standort aus dem Hohen Chor in die Vierung verlagert, damit die Zuhörer die gesungenen Texte besser verstehen konnten.

Diese stimmungsvolle Veranstaltung war mit ca. 50 Personen gut besucht und wurde allgemein als sehr gelungen bezeichnet.

Schon während der Weinpause ergaben sich interessante Gespräche auch mit den Protagonisten und es wurde verabredet, dass diese Neuwerker Besonderheit auch im nächsten Jahr wieder stattfinden soll.

Ein herzlicher Dank geht an die Firma R.E.T. für die einfühlsame Beleuchtungs- und Tontechnik und an René Lohse für die gelungenen Bilder, die in der beigefügten Bildergalerie zu sehen sind.

S. Roblick





Romanische Stunde in Neuwerk am 21.November 2012

Der arme Heinrich, eine Verserzählung von Hartmann von Aue

An Abenden, in denen die Dunkelheit früh hereinbricht, findet in der Neuwerkkirche einmal im Jahr die beliebte "Romanische Stunde" statt. Es wurden, wie immer, althochdeutsche Texte aus der Zeit, in der die Neuwerkkirche erbaut wurde, von Falko Hausknecht rezitiert und von Stefan Roblick "übersetzt", die Regie und die Erklärungen steuerte Ulrich Wiesjahn bei.

Man konnte teilweise schon ahnen, (wenn man Deusch verstand) was der Text in etwa bedeutete, aber wer weiß denn schon, dass die Krankheit "Lepra" "Misalsuht" bedeutet?

An diesem Abend wurde ein echter mittelalterlicher "Krimi" geboten, ein sog. "Tatort in der Neuwerkkirche", bei der ein Edelmann, der "Arme Heinrich" durch das Blut einer 8-jährigen Jungfrau, einer Bauerntochter, von der Lepra geheilt werden sollte. Sie sollte geopfert (geschlachtet) werden. Nachdem er sie jedoch durch einen Türspalt gefesselt nackt auf der Opferbank erblickt hatte, kam die Liebe über ihn und er wurde sich seines ungeheuerlichen Tuns bewußt. Obwohl das Mädchen protestierte, ließ er sie am Leben und hat sie dann schlussendlich geheiratet. Ob soviel Großmut wurde er der Edelmann durch eine göttliche Fügung geheilt. Soweit die Geschichte in Kurzform.

Die mittelalterliche Stimmung in der Neuwerkkirche wurde durch den Goslarer Madrigalkreis perfektioniert, der den Abend mit wunderbaren mittelalterlichen Stücken und Liedern begleitete.

Ein stimmungvoller Abend in einer voll besetzten Kirche.

Hartmut Hädrich

Bilder aus der Veranstaltung


Thema: Nähere Informationen zum Thema: Der arme Heinrich



Romanische Stunde in Neuwerk am 29.September 2010

Herr Walther von der Vogelweide

In Goslar kann man wunderbar leicht lernen, was das so genannte Mittelalter gewesen ist. Es ist nach der Antike für unseren Kulturbereich die prägende und großartigste Epoche, in der das so einzigartige Abendland heranwuchs.

Wer sich für die Wurzeln der eigenen Kultur interessiert, der findet in der Neuwerkkirche sowohl eine einst ganz junge Architektur als auch eine längst bewährte byzantinische Malerei. Das Mittelalter war also international wie wir heute.

Und wie fühlte man sich darin? Der einfache Landmann gewiss anders als der (inzwischen etwas entwertete) Rittersmann. Und war man damals eher ein Herdentier oder ein Individualist? Vermutlich war das nicht viel anders als bei uns heute.

Ein sehr vitaler Kronzeuge des Hohen Mittelalters, der zur Zeit der Erbauung der Neuwerkkirche gelebt hat, nämlich von 1170 bis 1230, war Walther von der Vogelweide .

Seine Gedichte, Lieder und „Sprüche“, die sehr lyrisch, sehr politisch, sehr erotisch, sehr philosophisch, sehr spöttisch oder auch sehr bettelnd sein können, erklingen in Neuwerk in der 4. Romanischen Stunde.

Falko Hausknecht und Werner Böse lesen im Original und in neuhochdeutscher Übersetzung Gedichte und Lieder des berühmten Dichters.

Es singt und spielt: der Goslarer Madrigalkreis - Verbindende Worte: Ulrich Wiesjahn


Einladungstext


Bilder von der Veranstaltung

Die "Romanische Stunde" ist inzwischen zu einer stehenden Einrichtung geworden und erfreut sich steigender Beliebtheit. So kamen an dem Abend viele Besucher, die Kirche war bis in die letzen Reihen besetzt.

Das Programm unterschied sich von den Vorgängerabenden dadurch, dass sich die Veranstalter diesem Abend nur mit einer Person auseinandersetzten, mit Walther von der Vogelweide, der zur Zeit der Entstehung der Neuwerkkirche gelebt hatte.

Die Rezitatoren des Abends waren Falko Hausknecht, welcher die Texte in gewohnt ausdrucksstarker althochdeutscher Sprache vortrug und Pfarrer Werner Böse, der den Text, nicht minder wortgewaltig, in einen für den Zuhörer verständlichen Text übertrug. Man hatte zeitweise den Eindruck, dass es sich bei den Rezitationen um einen mittelalterlichen Disput handelte, so ausdruckstark war die Mimik und Kommunikation der beiden Sprecher. Erklärende und verbindende Worte zum Leben von Walther von der Vogelweide wurden wieder von Pfarrer Ulrich Wiesjahn sachkundig vorgetragen.

Es wurden Texte und Lieder rezitiert, bzw. gesungen, die von Lust und Leid und von unerfüllter Liebe handelten. Hier ein Auszug aus den Maien- und Mädchenliedern:

Rôter munt, wie dû dich swachest!
lâ dîn lachen sîn!
Scham dich, daz dû mich an lachest
nâch dem schaden mîn.
Ist daz wol getân? –
ôwê sô verlorner stunde,
sol von minneclîchem munde
solch unminne ergân!
Roter Mund, wie du dich entstellst!
Laß dein spötisches Lachen!
Schäm dich, daß du mich auslachst
meines Kummers halber.
Gehört sich das etwa?
Ach vertan ist die Zeit,
in der ein liebliche Mund
Lieblosigkeit ausdrückt!

Er schrieb aber auch war auch respektlose Verse, in denen er den Papst wegen des Ablasshandels kritisierte.

Im zweiten Teil des Abends wurde die besinnliche und nachdenkliche Seite des Poesten beleuchtet, dabei wurde auch das wohl berühmteste Gedicht "Ich saz ûf eime steine" vorgetragen.

Die Veranstaltung endete mit einer Betrachtung über die Vergänglichkeit alles Seins mit dem Anfang des Gedichtes "O weh, wohin entschwanden alle meine Jahre". Beim Lesen dieses Textes fällt auf, dass die Verhältnisse, die Walter von der Vogelweide beschreibt, auch aus der heutigen Zeit stammen könnten! Der Abend wurde, wie auch schon bei den vorangegangenen "Romanischen Stunden", vom Goslarer Madrigalkreis sehr stimmungsvoll und virtuos sowohl vokal als auch instrumental begleitet.
Text und Fotos: Hartmut Hädrich



Romanische Stunde in Neuwerk

"Wie die deutsche Sprache laufen lernte."
Die Weihnachtsgeschichte in althochdeutschen Reimen.
7. Januar 2010 19 Uhr

Zur dritten romanischen Nacht trafen sich an diesem Abend in der nur mit Kerzenlicht erleuchteten Neuwerkkirche viele Interessierte, um dem Wiedererwachen der althochdeutschen Sprachen (sächsisch, fränkisch oder bairisch) zuzuhören.

Die Rezitatoren des Abends waren Falco Hausknecht, welcher die Texte in gewohnt ausdrucksstarker althochdeutscher Sprache vortrug und Stefan Roblick, der den Text, nicht minder wortgewaltig, in einen für den Zuhörer verständlichen Text übertrug. Erklärende und verbindende Worte zur Geschichte der damaligen Zeit und die Bedeutung der Sprachentwicklung wurden wieder von Pfarrer Ulrich Wiesjahn sachkundig vorgetragen.

Die passende Musik aus dieser Zeit wurde sehr eindrucksvoll, und der besinnlichen Stimmung des Abends angepasst, vom Goslarer Madrigalkreis dargeboten. Besonders meditativ war ein "Engelsgesang" (eine durchgängig gehaltene Note), der eine Rezitation begleitete und dadurch dem Text eine außergewöhnliche Stärke verlieh.

Hauptperson des Abends war Otfried von Weißenburg, ein Dichter aus der Zeit um 800. Er übersetzte damals schon Die Evangeliumsberichte aus der Bibel ins Althochdeutsche und verfasste ein Evangelienbuch. Sein Ziel war eine verstärkte Verbreitung der Schriften, die zur damaligen Zeit sonst ausschließlich in lateinische Sprache verfaßt waren. Nachfolgend ein Auszug aus der Einleitung des Evangelienbuches mit einem Loblied auf die Franken und ihr Land.



Iz ist fílu feizit (hárto iz giwéizit)
mit mánagfalten éhtin; níst iz bi unsen fréhtin.
Ti núzze grébit man ouh thár ér inti kúphar,
joh bi thía meina ísine steina;
Es ist, wie allgemein bekannt,
ein ganz besonders fruchtbar Land,
reich an manchem Gottessegen,
aber nicht unsres Verdienstes wegen.
Man gräbt zum Gebrauch und mancherwärts
beides, Kupfer und auch Erz
und, man staune! obendrein
auch sogar noch Eisenstein.

Die folgende Textpassage stammt aus der Weihnachtsgeschichte.


Drúhtin queman wólta, tho man alla wórolt zalta,
thaz wír sin al glíche gibriefte in hímilriche.
Ni wai thó thiu giburt, tho wurti wórolti
firwúrt;
Zur Erde wollte der Herr da kommen,
als alle Welt Zählung vorgenommen,
au daß wir alle auch würden gleich
verzeichnet in sein Himmelreich,
Wäre da Christus nicht geboren,
so wäre die ganze Welt verloren.

Beendet wurde dieser wunderbare Abend mit einem Vaterunser in althochdeutscher und einem Segen in lateinischer Sprache.

Fater unser, thû thar bist in himile,
sî giheilagôt thîn namo.
queme thîn rîhhi.
sî thîn uuillo,
sô her in himile ist, sô sî her in erdu.
unsar brôt tagalîhhaz gib uns hiutu,
inti furlâz uns unsara sculdi,
sô uuir furlâzemês unsarên sculdîgôn,
inti ni gileitêst unsih in costunga,
ûzouh arlôsi unsih fon ubile.

Aus Vergleich verschiedener Vaterunser (aus dem Tatian, ostfränkisch, um 825)

Beim anschließenden Glas Wein wurde dann wieder "neudeutsch" gesprochen. Viel Lob der Zuhörer war zu hören.

Text und Fotos: H.Hädrich


Romanische Stunde 2008 in Neuwerk

Ulrich Wiesjahn - Werner Böse - Falko Hausknecht


Goslarer Madrigalkreis
Ulrich Wiesjahn
Falco Hausknecht und Werner Böse

Fater unser, thû thar bist in himile,
sî giheilagôt thîn namo.
queme thîn rîhhi.
sî thîn uuillo,
sô her in himile ist, sô sî her in erdu.
unsar brôt tagalîhhaz gib uns hiutu,
inti furlâz uns unsara sculdi,
sô uuir furlâzemês unsarên sculdîgôn,
inti ni gileitêst unsih in costunga,
ûzouh arlôsi unsih fon ubile.

Vaterunser (Vater aus dem Tatian, ostfränkisch, um 825)
Fotos: H.Hädrich