Das mittelalterliche Geläut der Neuwerkkirche


In der Neuwerkkirche befindet sich eines der wenigen komplett erhaltenen mittelalterlichen Geläute in Deutschland. In der Rangliste der noch vorhandenen zusammenhängenden mittelalterlichen Geläute in Deutschland rangiert die Neuwerkkirche hinter dem Merseburger und dem Magdeburger Dom an dritter Stelle. Das Geläut besteht aus 5 Bronzeglocken verschiedener Größe aus der Zeit um 1200 bis 1314.

Da die Neuwerkkirche ursprünglich eine Klosterkirche war, hat sie im Gegensatz zu den anderen Goslarer Altstadtkirchen, keine Turmuhr und somit auch keine Glocke mit Stundenschlag.

Viele Besucher unserer Kirche fragen, in welchem Turm denn unsere Glocken hängen. Wenn man sich das Westwerk mit den Türmen von der Gartenseite ansieht, fallen einem die großen Schallarkaden auf. In diesem Mittelbau, dem eigentlichen Glockenhaus zwischen den Türmen, finden wir hinter den Doppelschallarkaden vier der fünf Glocken des Geläutes. Eine weitere Glocke, die drittgrößte, hängt in einem separaten Glockenstuhl im Südturm, der ebenfalls eine Schallarkade jeweils nach Osten, Westen und Süden besitzt, damit der Glockenklang nach Außen dringen kann. Der Nordturm hingegen hat wohl nie Glocken besessen, da dieser auch über keinerlei Schallarkaden verfügt.

Der Glockenstuhl des Mittelbaus erstreckt sich über zwei Turmetagen, denn der Glockenstuhl ist gegliedert in den so genannten Unterstuhl und den eigentlichen Glockenstuhl. Der Unterstuhl ist die Stützkonstruktion des Glockenstuhles. Diese Ebene diente gleichzeitig auch als Läutekammer. Als Glocke bezeichnet man im Allgemeinen den Glockenmantel, in dem der Klöppel schwingend aufgehängt ist. Der Glockenmantel wiederum ist mit seiner "Krone" durch Halteeisen am Jochbalken des Glockenstuhles befestigt. Der Jochbalken ist mittels zweier Kugellager schwingend beweglich. An einem Ende des Jochbalkens befindet sich heute meistens ein Läuterad, über das das Läuteseil zum Läutemotor verläuft.

Die Glocken der Neuwerkkirche wurden früher zunächst zum läuten "getreten", dann bekamen sie zur Arbeitserleichterung lange Läuteseile, die bis in die Läutekammer hinunterreichten und in den 1960ern wurde die Läuteanlage mit Motoren und einer Steuerungselektronik ausgestattet. Jede unserer Glocken hat eine eigene Tonhöhe und ihren eigenen Klang. Nach der Tonhöhe werden die Glocken dann auch mit der römischen Bezifferung I bis V bezeichnet, wobei die Glocke I den tiefsten und die Glocke V den höchsten Klang hat. Musikalisch besteht das Geläut zunächst aus zwei Läutemotiven: Glocke I + II bilden das Quart-Motiv für Sonntags- und Festgeläut; Glocke III + IV + V bilden das Gloria-Motiv als Chorgeläut, vermutlich für Stundengebete. Der Zusammenklang aller Glocken gemeinsam bildet zum Gottesdienst sonntags und an Feiertagen das so genannte plenum, das "volle Geläut".

Kommen wir aber nun zu den Glocken selbst. Sie wurden etwa zwischen dem Jahr 1200 und 1314 aus Bronze gegossen. Die wohlgemerkt jüngste Glocke feiert in diesem Jahr also ihren 700. Geburtstag, die ältesten Glocken sind über 800 Jahre alt. Wir finden hier noch die recht schlanke Zuckerhutform und bereits weiterentwickelte Übergangsformen, die bereits in Richtung Gotik mit der so genannten gotischen Dreiklangrippe weisen. Das Geläut gehört damit zu den ältesten zusammenhängend erhaltenen Geläuten in Deutschland und vervollständigt damit in einzigartiger Weise das Bild der liturgischen und künstlerischen Ausstattung dieser mittelalterlichen Kirche.

Das älteste Glockenpaar, und zwar die Glocke V, als kleinste Glocke des Geläutes und die Glocke IV als zweitkleinste Glocke, beide Instrumente wurden etwa um das Jahr 1200 vermutlich in einer Gusswerkstatt von einem unbekannten Meister gegossen. Sie hängen im Mittelbau jeweils in den äußeren Gefachen des Glockenstuhles. Bei beiden Instrumenten handelt es sich bereits um eine weiterentwickelte Form der Zuckerhutglocke mit einer schlanken kegelförmigen Gestalt. Bis auf einen umlaufenden Steg zur Gliederung in Höhe des so genannten Wolms zeigen sich beide Glocken völlig schmucklos. Die kleinste Glocke war vermutlich auch die erste Glocke des Geläutes. Ihre Oberfläche ist vollkommen schmuck- und inschriftenlos, lässt aber bei genauer Betrachtung auf der Oberfläche die Pinselstriche vom Auftragen der Talgschicht erkennen, die bei der Herstellung Glockenmodell und Glockenmantel trennte.

Die beiden kleinsten Glocken Nr. V und IV und auch die zweitgrößte Glocke Nr. II sind in extrem schwerer Rippe gegossen, d.h. sie haben im Vergleich zum unteren Durchmesser eine extrem dicke Wandung. Das war im Mittelalter durchaus nicht unüblich, jedoch wurde es bei den genannten Glocken der Neuwerkkirche ins Extrem gesteigert. Dies hat natürlich klangliche Konsequenzen. Die Glocken haben zwar aufgrund der großen, schwer erregbaren Masse sehr kurze Nachhallzeiten, dafür aber eine durchdringende Klangfülle.

Ebenfalls aus der Gründungszeit der Kirche stammt die zweitkleinste Glocke im Geläut. Die Glocke IV trägt an der Schulter eine einzeilige lateinische Inschrift in romanischen Majuskeln, also Großbuchstaben. Der für eine Glockeninschrift höchst ungewöhnliche, aber dennoch zeitlos gültige Text lautet übersetzt: Der Geist des Herrn hat den Erdkreis erfüllt.

Die Glocke III im Südturm ist wesentlich schlanker und besitzt auch einen geringeren Durchmesser als die Glocken IV und V, dennoch ist sie tontiefer. Sie ist als eine Übergangsform anzusehen, mit der die Glockengießer klanglich experimentiert haben. Die Glocke ähnelt von ihrer Schlankheit her einer Zuckerhutglocke, besitzt aber gleichzeitig eine bereits in die Zukunft weisende modern geformte Schlagringzone. Sie besitzt weder Inschrift noch Zier, sondern ist lediglich durch zwei Stege an der Schulter und einen Steg am Wolm gegliedert. Ihre Kronenhenkel sind jedoch an der Vorderseite mit einem Zopfmuster belegt.

Die Glocke II im großen Glockenstuhl mit der Nominaltonhöhe a' hat eine Höhe von 1,05m (ohne Krone), einen unteren Manteldurchmesser von 1,19m und ein Gewicht von 1000kg. Sie gilt als ‚ein außerordentlich interessantes Meisterwerk mittelalterlicher Glockengießerei'. Das Gussjahr dieser Glocke ist 1314, welches in der Inschrift des Glockenmantels mit vermerkt worden war. Sie hat demnach in diesem Jahr ihren 700. Geburtstag. Sie hat ein zweizeiliges umlaufendes Schriftband an der Glockenschulter mit rautenförmigen Punkten zur Worttrennung.

Aufgrund des Textes kann man sie als "Wetterglocke" bezeichnen. Auf Deutsch lautet die Inschrift: (1. Zeile) "Schrecken des Blitzes und jeglicher Wirbel der Luft mögen - wenn die Mutter Gottes es gibt - dem Klang dieses Erzes entfliehen. Amen" (2. Zeile) " Herrscher des Himmels erhöre uns, erachte uns für würdig, uns zu erretten. Du A und O, hilf uns! Im Jahre des Herrn 1314 bin ich gemacht. Die Glocke II hat noch eine Besonderheit zu bieten: Sie ist die einzige der fünf Glocken, auf deren Mantel sich auch noch größere figürliche Darstellungen befinden. Die musikalisch tiefste Glocke in der Neuwerkkirche hat die Tonhöhe e', wurde früher "Sonntagsglocke" genannt und wird als Glocke I bezeichnet. Sie wiegt 1550kg, der Glockenmantel hat eine Höhe von 1,05m, einen unteren Manteldurchmesser von 1,30m und eine Schlagringstärke von 9,7cm. Laut Aussage des Glockensachverständigen Claus Peter ist sie ein "prachtvolles Gusswerk" aus der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts.

Es ist die einzige Glocke von der wir wissen, von wem sie gegossen worden ist, auch wenn die Glocke dies selbst nicht verrät. Eine im Ersten Weltkrieg vernichtete Glocke der Frankenberger Kirche in Goslar wies Beschreibungen nach die gleiche Gestaltung von Schrift und Zier auf, nannte dabei in ihrer Inschrift den sonst nicht weiter bekannten Gießer Gaudericus, der mit großer Wahrscheinlichkeit auch die große Glocke der Neuwerkkirche erschuf. Die Glocke besitzt an ihrer Schulter eine einzeilige Inschrift, welche in gotischen Majuskeln ausgeführt wurde. Bemerkenswert sind die feingliedrigen Linien mit denen die einzelnen Buchstaben bei der Herstellung mit einem scharfen Werkzeug in den Formmantel geritzt wurden. Die Inschrift lautet: "AVE MARIA GRACIA PLENA DOMINUS TECUM" ; in Deutsch: "Sei gegrüßt, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir." -Eine im Mittelalter häufig verwendete Marienanrufung.- Unter der Inschrift sind neun runde bzw. vierpassförmige plakettenartige Reliefs angebracht, die allerdings nur noch schwer zu erkennen sind.

Oberhalb des Schlagringes verlaufen drei Ringe und am unteren Rand der Glocke ist noch ein Wulst ausgeprägt.

Die Halteösen der Glockenkrone sind an den Außenseiten mit Perlstäben verziert. Dies war für Glockenkronen im 13. Jahrhundert recht ungewöhnlich.

Durch die Geschichte hindurch haben sich bis heute die Neuwerkglocken unverändert erhalten, abgesehen vom Neubau des Glockenstuhles Anfang des 18. Jahrhunderts. Auch die Vernichtungsaktionen der beiden Weltkriege durch die Zwangsablieferung von Glocken zur Rüstungsproduktion hat das Geläut aufgrund seiner historischen Bedeutung überlebt.

Stefan Roblick

Sebastian Wamsiedler